Mögliche Probleme, die Digitalisierung mit sich bringen kann

Im Interview mit der NEUE Vorarlberger Tageszeitung spricht Markus Winter über die Chancen und Gefahren der Digitalisierung.

Rückbau des menschlichen Gehirns

INTERVIEW. Hohe Arbeitslosenzahlen, Menschen, die nach und nach die Fähigkeit zum selbstständigen Denken verlieren. Markus Winter benennt mögliche Probleme, die Digitalisierung mit sich bringen kann.

Von Sonja Schlingensiepen

Wie genau definieren Sie Digitalisierung?
Markus Winter: Aus meiner Sicht ist das im Augenblick ein zu großes Schlagwort. Es ist in aller Munde, aber niemand weiß, was er wirklich damit anfangen soll. Für viele fängt Digitalisierung beim E-Mail an, bei einem Internet-Anschluss oder einer Website. Nur, diese Digitalisierung liegt eigentlich 30 Jahre zurück. Wenn heute von Digitalisierung gesprochen wird, geht es in Richtung Vollautomatisierung von Prozessen – und zwar in allen Bereichen.

Können Sie Beispiele dafür nennen?
Winter: Ich gehe auf eine Webseite und entwerfe dort einen Schuh, ein Auto, einen Messestand. Die Seite prüft dann selbstständig die Machbarkeit, gibt mir einen Preis und schickt die Daten direkt an die Maschine dahinter. Es ist also kein Mensch mehr dazwischen notwendig. Der Endkonsument kann völlig autonom agieren. Das ist für mich Digitalisierung.

Funktioniert das auch bei größeren Vorhaben? Bei einem Hausbau beispielsweise?
Winter: Jeder einzelne könnte sein Haus planen und produzieren lassen. Alles, was an Know-how notwendig ist, von der Planung durch Architekten bis zum Bau, ist vollständig in Softwaresystemen eingepflegt. Das ganze Produktions- und Produktwissen ist digitalisiert, das menschliche Know-how ist implementiert.

Architekten, Schuhmacher und andere wird es dann wohl nicht mehr geben?
Winter: Ich bin der Meinung, dass es zwischen 20 und 35 Prozent an Menschen geben wird, die keinen Job mehr haben. Faktum ist: Heute fehlen Arbeitskräfte in der IT-Branche. Dass deren Zahl reicht, um die dann vorhandenen Arbeitslosen aufzufangen, ist wohl Utopie.

Was veranlasst Sie zu glauben, dass sich solche Prognosen bewahrheiten?
Winter: Digitalisierung oder Industrie 4.0 wird unsere Welt, wird Mitteleuropa komplett verändern. Erste Anzeichen dafür sind schon in den USA spürbar: Die hohen Arbeitslosenzahlen sind eine Folge von Digitalisierung und Automatisierung. Die USA sind Europa einiges voraus. Und das Versprechen Trumps, wieder Arbeitsplätze zu schaffen, ist meiner Meinung nach ein falscher Ansatz. Die Arbeitsplätze sind weg.

Eine Arbeitslosenquote bis zu 30 Prozent ist für einen Staat auf Dauer nicht finanzierbar?
Winter: Eben deshalb ist ein umfassendes Neudenken auf politischer Ebene notwendig. Fast hin zu einer geplanten Wirtschaft. Solche Worte nehme ich nicht gerne in den Mund. Aber es muss Anpassungen im politischen System geben, die diese Probleme außerhalb der Wirtschaft regeln.

Wie könnten solche Lösungen aussehen?
Winter: Es wird in Richtung Mindestsicherung oder bedingungsloses Grundeinkommen gehen. Es kann ja nicht so sein, dass 30 Prozent als Arbeitslose gelten. Die Menschen können ja nichts dafür. Da geht es vor alllem um psychologische Ansätze:
Wie gehe ich in Zukunft mit einem Menschen um, dessen Leistung nicht mehr benötigt wird, obwohl er hochqualifiziert und motiviert ist?

Wie sollen Mindestsicherung, Grundeinkommen und alle anderen sozialen Leistungen finanziert werden?
Winter: Es gibt ja die Ansätze von Automatisierungs- oder Robotersteuern. Es kann nur so sein, dass eine Gesellschaft gebildet wird, die gesamtheitlich in einen Topf verdient und die Einnahmen gesamtheitlich verteilt werden. Egal, ob menschliche Leistung dahintersteckt oder nicht. Sonst entstehen zu große soziale Unterschiede, die das friedliche Zusammenleben einer Gesellschaft unmöglich machen würden.

Gibt es überhaupt noch Jobs, die sicher sind?
Winter: Nein. Es werden neue Tätigkeiten entstehen – allerdings nicht in dieser Vielzahl, wie auf der anderen Seite durch die Automatisierung wegfallen. Das betrifft ganz simple Berufe wie Anwälte, Köche oder Kfz-Mechaniker. Kochen ist ein simples Beispiel:
Die Standardküche kann heute schon von einem Roboter übernommen werden. Da wird nicht nur intensiv geforscht, es gibt in den USA und China schon Restaurants, die voll selbstständig funktionieren.

Wie ist der Status quo bei den Vorarlberger Unternehmen?
Winter: Die meisten Aktivitäten passieren hinter den Kulissen. Digitalisierung greift in der Öffentlichkeit im Augenblick noch nicht. Die großen Unternehmen digitalisieren momentan massiv. Das wird erst in drei oder vier Jahren spürbar sein. Ich sehe es auch bei unseren eigenen Kunden, bei denen Projekte langfristig angelegt sind, weil es eben massive Eingriffe sind.

Wie sieht es bei den Klein- und Mittelbetrieben aus?
Winter: Für Klein- und Mittelbetriebe ist es Chance und Bürde zugleich. Viele können sich Digitalisierung vielleicht nicht leisten, denn dies ist eine teure Angelegenheit. Gleichzeitig bieten sich völlig neue Geschäftsmodelle und die Chance, zu den Großen aufzuschließen oder sie sogar zu übertrumpfen.

Landeshauptmann Wallner will dieses Jahr eine digitale Agenda aufstellen. Was sollte aus Ihrer Sicht in dieser Agenda stehen?
Winter: Im Augenblick können sich nur Großunternehmen eine Digitalisierung leisten. Ich würde deshalb Fördertöpfe einrichten, um die Klein- und Mittelbetriebe im Land für die Zukunft zu rüsten. Einen Ausgleich würde ich in Form von Digitalisierungsfonds schaffen, und zwar im großen Stil. Ich spreche da nicht nur von ein paar Millionen Euro.

Haben Sie weitere Punkte?
Winter: In zweiter Linie würde ich eine Anlaufstelle für Digitalisierung einrichten. Also hochwertige Berater ins Land holen und diese den Betrieben kostengünstig zur Verfügung stellen. Heute glaubt ein Unternehmer, dass er digitalisiert ist, wenn er eine neue Webseite, einen Chatbot und ein CRM-System hat. Das ist es aber nicht. Wer richtig digitalisiert, kreiert neue Geschäftsmodelle. Und in diese Richtung muss auch Vorarlberg gehen.

Wieso sollten – trotz der Nachteile wie steigender Arbeitslosigkeit – solche hohen Summen investiert werden?
Winter: Vorarlberg hat bisher von der geografischen Lage enorm profitiert. Dieses Umfeld wird aufgrund der Digitalisierung aber nicht mehr existieren, denn jeder hat dann Zugang zum Weltmarkt und damit ebenso weltweit Konkurrenz. Ich kann als Unternehmer nicht sagen, ich digitalisiere nicht und bleibe in meinem alten Schema stecken. Es muss digitalisiert werden, um am Weltmarkt mitspielen zu können. Auch wenn es viele soziale Probleme mit sich bringen wird.

Welchen Einfluss hat Digitalisierung auf die Bildungspolitik?
Winter: Da stellt sich die Frage, was heute noch zu lernen ist. Aus meiner Sicht muss ein junger Mensch nur lernen, wo er das Wissen digital erhält, wie er dieses prüft, und sich nicht mehr das Wissen selbst aneignen. Die Bildungspolitik steht deshalb vor einer großen Herausforderung – und ich spreche hier nicht vom „digitalen Klassenzimmer“. Nur durch Änderung der Bildungsinhalte können unsere Kinder auf die Veränderungen vorbereitet werden.

Was bedeutet das inhaltlich für das Bildungssystem?
Winter: Wird das System beibehalten, haben wir in 20 bis 30 Jahren große gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme. Das aktuelle Bildungssystem basiert darauf, das Wissen der vergangenen 200 Jahre zu vermitteln. Kinder müssen zukünftig ihre Einzigartigkeit lernen, also das, was Maschinen niemals können werden. Die Vermittlung von Werten, Ethik, Überzeugung, unabhängiges Denken, Teamwork müssen gelehrt werden. Die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben, Rechnen müssen erweitert werden um Experimentieren, Technologiegeschichte, Sport, Musik, Zeichnen und ähnliches.

Besteht die Gefahr, dass der Mensch durch die Digitalisierung das verliert, was ihn ausmacht? Kritisches Denken oder ganz einfach die Fähigkeit des Kommunizierens?
Winter: Es wird eine große psychologische Veränderung bei den Kindern geben. Sie sitzen jetzt schon nebeneinander und whatsappen statt zu reden. Diese Entwicklung sehe ich negativ. Ich bin ein Freund der Digitalisierung, aber nicht in jedem Bereich. Wenn wir dieser Entwicklung nicht entgegenwirken, hat der digitale Fortschritt einen Rückbau des menschlichen Gehirns zur Folge.

 

Der Serienunternehmer und Digitalisierungsexperte Markus Winter (45) führt seit über 20 Jahren mehrere eigene Unternehmen. Mit dem Produkt WebCAD entwickelte die Winter gehörende Oroox AG eine Industrie-4.0-Software, die von Europa- und Weltmarktführern bereits eingesetzt wird. Der gebürtige Steirer ist verheiratet und Vater von drei Kindern.